Aus dem Kreis

Jusos MK zu den Entwicklungen der ENERVIE


Es ist nicht das erste Mal, dass der Vorstand der Enervie schlechte Neuigkeiten mit dem “Markt” begründet und entsprechende Konsequenzen angesichts etwaiger “heutiger Rahmenbedingungen” ankündigt. Nun folgt also die Streichung der Dividenden an die Anteilseigner für das laufende laufende Geschäftsjahr. Schuld daran sind der “Markt” und “heutige Rahmenbedingungen”.
Wir erinnern uns: Im letzten Jahr sorgten die Enervie-Vorstände mit Gehaltserhöhungen um bis zu 22,7 Prozent für Furore. Angesichts der Zielmarke von 368.000 Euro pro Jahr für einen Enervie-Vorstand stellte ich schon damals die Frage, ob die Enervie ein regionaler Energieversorger ist im Rahmen kommunaler Daseinsvorsorge oder ein Energiekonzern wie e.on oder RWE. Die Schwierigkeiten auf dem Energiemarkt waren im letzten Jahr schon bekannt. Ich wundere mich, dass die Vorstände von Enervie auf diese üppigen Gehaltserhöhungen gepocht haben – eigentlich wollten sie noch mehr –, wenn schon ein Jahr später sämtliche Ausschüttungen an die Anteilseigner gestrichen werden. Man darf die Diskussion aus dem letzten Jahr bei der Betrachtung der aktuellen Lage nicht ausblenden. Es ist ein Skandal.
Was war der Grund für die üppige Aufstockung der Vorstandsgehälter? Richtig: Auch hier durfte wieder der “Markt” herhalten. Schließlich müsse man bei Vorstandsvergütungen den “üblichen Marktlevel” stets im Auge behalten. Damals wie heute sollte gelten: Regionale Energieversorger, die vor allem in kommunaler Trägerschaft fungieren (egal in welcher Rechtsform), sollten sich an das Gemeinwohl orientieren und nicht an irgendwelchen “Märkten”.
Die Selbstherrlichkeit von Ivo Grünhagen, Enervie-Vorstandsvorsitzender, ist kaum noch zu ertragen. 2011 mussten die an der Enervie beteiligten Kommunen nachträglich den Kauf von Lekker Energie legitimieren. Lekker ist Strom-Discounter. Man versprach sich damals offenbar viel, sonst hätte man diese Investition nicht getätigt. Die Beteiligung der Anteilseigner wurde damals schon kritisiert. Heute, zwei Jahre später, wird Lekker wieder komplett verkauft. Ivo Grünhagen begründet dies so: „Die Impulse aus dem bundesweiten Vertriebsgeschäft der Lekker Energie werden wir nutzen, um unsere Vertriebsmarke Mark-E weiter auszubauen.“ Klingt gut, aber keiner versteht, was er da eigentlich meint. Eine ernsthafte Bewertung des Lekker-Investments findet nicht statt. Mein Fazit: Auch dieser Vorgang zeigt, dass die Unternehmensführung offenbar ohne nachhaltige Strategie fungiert.
Angesichts der aktuellen Entwicklungen der Enervie-Gruppe ist mindestens zu erwarten, dass die Enervie-Vorstände ihre Bezüge deutlich zurücksetzen. Die Beschäftigten sorgen sich um die Zukunft ihres Unternehmens. Sie nehmen für das Unternehmen, ich nehme hier Bezug auf die Umstrukturierung der Lüdenscheider Bäderbetriebe, Abstriche in Kauf. Nun sollte der Vorstand dran sein, der zudem Demut üben sollte.
Die amtierende Bundesregierung hätte in den vergangenen vier Jahren mehr tun müssen. Natürlich wurde die Fortschreibung der Energiewende verschlafen. Hiervon profitieren vornehmlich große Energiekonzerne, regionale Erzeuger haben das Nachsehen. Trotzdem trägt auch der Enervie-Vorstand Verantwortung für die Entwicklung des Unternehmens. Es wäre schön, wenn er in Zukunft weniger über “übliche Marktlevel” und “Marktdesigns”, sondern über eine Strategie zum Erhalt regionaler Energieversorgungssicherheit diskutiert.